Warum Hausbesetzung?

Alte Augenklinik in der Bahnhofstraße besetzt!

Offener Brief an alle Menschen der Stadt!

 Stand 19.07.2013

Im vergangenen Februar wurde die alte Fronhofschule in Marburg für ein Wochenende besetzt.

Die Besetzung war ein Ausrufezeichen. Ein erster Schritt – gegen die herrschende Wohnungsnot, steigende Mieten, gegen die zunehmende Privatisierung und Entdemokratisierung öffentlichen Raumes und für die Schaffung eines sozialen Zentrums in Marburg, auch zur Auseinandersetzung mit den benannten Problemen.

Die breite Zustimmung, welche wir während der Aktion und danach erfahren haben – sei es aus der Nachbarschaft, von Freund*innen und anderen Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen – hat uns erfreut und motiviert.

Es war richtig mit einer Hausbesetzung die Grenzen des Legalen einen Schritt zu überschreiten, um das Legitime zu schaffen: Drei Tage Raum für unsere Ideen, Ausdruck unserer Empörung – Ein Versuch in direkter Selbstbestimmung!

Danach hörten wir immer wieder die Frage: „Warum seid ihr eigentlich gegangen?“ und unsere Antwort war: „Wir haben gelernt, uns ausprobiert, wieder einmal erfahren, wie es ist die Dinge selbst in die Hand zu nehmen“ und wir haben angekündigt: „Wir kommen wieder“ und heute können wir sagen:

Hier sind wir!“ – mit einem Koffer voller Fragen und mit einem Dutzend Veranstaltungen und Workshops für die nächste Woche, sowie viel Platz für (Not-)Betten, auch im Hinblick auf das kommende Wintersemester und der sich sicher verschärfenden Wohnungssituation.

Mehr noch als das: Wir haben nun einen expliziten Raum für Begegnungen und Diskussionen, einen Raum der gemeinsam gestaltet werden kann. Marburg hat jetzt ein soziales Zentrum! Kommt vorbei, es gibt eine Menge zu tun, um Austausch, ein sicheres Miteinander, Kulturprogramm und Aktionen möglich zu machen. Wir, die schon hier sind, freuen uns auf euch!

Warum das Ganze?

Wie auch andernorts steigen in Marburg seit Jahren die Mieten und die damit gemachten Profite. Die Marburger Nettokaltmiete reiht sich mittlerweile in Statistiken zwischen München und Stuttgart ein.

Hier in der Marburger Nordstadt ist der m²-Preis seit 2004 um rund 2€ gestiegen, das gleiche gilt für den Ortenberg und Wehrda, ähnliches für das Südviertel und die Oberstadt. Ganze Stadtteile werden also zunehmend exklusiv, da sie für viele Menschen schlicht nicht mehr bezahlbar sind. Menschen werden so in Bruchbuden, an den Stadtrand oder ungewollt auf die umliegenden Dörfer verdrängt.

Bund, Land und Kommunen sind dieser Situation dabei keineswegs hilflos ausgeliefert.

Im Gegenteil: Sie sind vielmehr wichtige Akteur*innen bei der Schaffung einer marktkonformen statt bedürfnisgerechten (Wohn-)Raumpolitik. Die Gestaltung ganzer Städte und des dazugehörigen (Wohn-)Raumes wird dabei, wie immer weitere Lebensbereiche, der krisenhaften kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen und die Städte als Standorte zueinander in Konkurrenz gesetzt. Platz und Raum hat das, was Profit verspricht. Alles und alle Anderen müssen zusehen, wo sie bleiben und wer oder was sich widersetzt, wird zwangsgeräumt.

Dementsprechend befeuert die herrschende Politik seit Jahrzehnten die beschissene Wohnungssituation. Das Spardiktat von Bund und Ländern wird von den Städten umgesetzt, indem bspw. in den letzten Jahren Gelder für den sozialen Wohnungsbau gekürzt wurden und Neubauten vermehrt dem Markt – also Profitinteressen – überlassen werden.

Auch die Stadt Marburg sorgt trotz gut gefüllter Haushaltskasse für rot-grün angestrichene Privatisierungen von öffentlichem Raum, wenn bspw. ehemals städtisches Eigentum an Privatpersonen oder Immobilienfirmen verkauft wird. So werden Gebäude, wie die alte Fronhofschule oder Gebäude der städtischen Wohnungsbaugenossenschaft GeWoBau, der ohnehin unzureichenden demokratischen Kontrolle nach und nach entzogen.

Ähnliches geschieht bei der von der Stadt betriebenen Ausschreibung von Neubauten auf dem ‚freien Markt‘, bei der Investor*innen, wie u.a. ‚S+S Immobilien‘, den Zuschlag erhalten.

So entstehen zwar gewinnträchtige, aber individualisierende und zu teure bunte Wohn-Klos wie, bspw. zwischen Mensa und Phil-Fak oder jüngst am Ortenberg im Rahmen der Campus-Projekte und mit der

Planung der Alten Gärtnerei. Wie Familien oder Alleinerziehende, Wohngemeinschaften, Geringverdienende oder Renter*innen dort ihren Raum finden sollen ist für uns keine Frage, sondern ein Ding der Unmöglichkeit.

Es bleibt dabei: Die Logik des Marktes richtet sich eben nicht nach Bedürfnissen – wie wir auch an der prekären finanziellen Lage sozio-kultureller Projekte, wie bspw. dem Cafe Trauma, erkennen müssen – sondern richtet sich nach wirtschaftlicher Rentabilität und ist somit alles, nur nicht Teil der Problemlösung.

Was tun?

 Gegen diese und viele weitere Entwicklungen wollen und müssen wir ein deutliches Zeichen setzen. Wir brauchen Räume, die die Menschen die sie nutzen, demokratisch und jenseits von Verwertungslogik und vermeintlichen Sachzwängen, nach ihren Wünschen und Bedürfnissen gestalten und entwickeln können! Dieser Raum soll unseren Bedürfnissen angepasst und nicht exklusiv sein.

Ideen für die Realisierung solcher Räume gibt es genug und oft funktionieren diese auch mit all ihren Widersprüchen. So müssen die Bewohner*innen der Mietshäusersyndikate, wie bspw. am Grün oder in der Ketzerbach, keinen Hauseigentümer und dessen Profitinteresse fürchten, sondern können die eigenen Räume bezahlbar und nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten.

Dazu sehen wir in anderen Städten, wie am räumungsbedrohten AZ in Köln-Kalk, in Frankfurt am Klapperfeld oder dem skandalöserweise vor kurzem geräumten IvI, wie wichtig Räume der Selbstverwaltung als Orte der Politisierung, Aufklärung und Vernetzung für die Entstehung von Alternativen sind. Eingesessene Marbuger*innen kennen solche Orte noch vom selbstverwalteten Wohnheim Collegium Gentium (von der Uni 2007 endgültig geräumt) oder der Stockschen Kunsthalle, welche im Rahmen der Auseinandersetzung um die Zerstörung des Biegenecks Anfang der 90er Jahre entstand und von der rot-grünen Regierung kurz darauf abgerissen wurde, um dem heutigen Welcome-Hotel-Komplex zu weichen.

Wir wollen an die genannten Formen der Raumaneignung anknüpfen und uns uns endlich wieder in Marburg mit Schwung in den Diskurs über (Wohn-)Raum einmischen und unsere Stimmen hörbar machen.

Wir haben von anderen Projekten viel gelernt und wünschen uns weiteren Austausch voranzutreiben, um den steinigen Weg hin zur Erprobung und Verwirklichung von Vergesellschaftung und Selbstverwaltung gemeinsam zu beschreiten! Auch dafür schaffen wir diesen Raum als soziales Zentrum.

Was bedeutet solch ein Soziales Zentrum für uns?

Ein Soziales Zentrum bedeutet für uns…

…die Schaffung eines öffentlichen und unkommerziellen Raumes!

Möglichkeiten unsere Wünsche kennenzulernen und zu verwirklichen!

…die Schaffung von Raum und Zeit für die Entstehung und Entwicklung kritischen Denkens, auch im

Rahmen von Diskussionsveranstaltungen und Workshops!

…eine Möglichkeit Kunst und Kultur für alle zugänglich zu machen!

…der Versuch einen Raum zu schaffen, in dem gegen Herrschaftsstrukturen und damit verbundene

Diskriminierungen vorgegangen wird! .

…eine Möglichkeit gemeinsame Stadtteilpolitik zu betreiben, Fehlentwicklungen sichtbar zu machen und

dagegen vorgehen zu können!

…die Chance uns politisch zu vernetzen und zu organisieren!

…einen Rückzugsort, wenn uns die vorherrschende Gesamtscheiße mal wieder zu viel wird und/oder wir

einfach mal mit Anderen in Ruhe einen Kaffee schlürfen wollen!

Vor allem bedeutet ein solches soziales Zentrum die Möglichkeit, unsere Zukunft und unser Leben selbst in die Hand zu nehmen!

Als Alternative zum exklusiven Runden Tisch der Stadt zum Thema „preiswerter Wohnraum“ vom vergangenen Februar – dessen Gerede im Sande verlaufen zu scheint – schaffen wir einen offenen Raum für Austausch, Diskussionen, Vernetzung und Aktionen. Viele Veranstaltungen stehen bereits. Es kann aber noch viel mehr passieren: Kunst, Musik, Kultur, Kaffeekränzchen oder Workshops. Kommt vorbei und bringt euch ein!

Für ein soziales Zentrum und bezahlbaren Wohnraum für Alle! Für unser Recht auf unsere Stadt!

raumklinik.wordpress.com – facebook.com/raum.klinik – twitter.com/raumklinik – raumklinik@riseup.net

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