Pressemitteilung der Gruppe (T)raumklinik – Für ein Recht auf Stadt, Marburg 25.11.14

Nacht-Tanz-Demo am 28. November für mehr bezahlbaren Wohnraum, eine bedürfnisgerechte Unterbringung und Versorgung von geflüchteten Menschen und die kollektive Nutzung von öffentlichem Raum.

Marburg, 25.Nov.2014 – Auch einen knappen Monat nach Semesterbeginn hält die katastrophale Wohnraum-Situation in Marburg an. Hostel und Jugendherberge sind ausgebucht und die Warteliste für die bereits vergebenen 2.100 Studierendenwohnheimplätze ist mit 800 Anwerber*innen nicht gerade kurz. Zudem ist das Familienwohnheim „Richtsberg 88“ seit einem Brand im Juni noch immer nicht bewohnbar, weshalb rund 200 Menschen auf Notunterkünfte angewiesen sind, die ohnehin schon knapp werden. Aber dass sich diese Situation wieder einpendelt und lediglich am Semesterbeginn und den mehreren tausend neuen Einwohner*innen Marburgs liegt, glaubt wohl niemand mehr. Letztlich ist das Problem des fehlenden bezahlbaren und bedürfnisgerechten Wohnraums in Marburg eine Auswirkung des nach kapitalistischen Interessen ausgerichteten Wohnungsmarktes und der profitorientierten Stadtpolitik und -entwicklung. Seit den 80er Jahren werden in Marburg immer weniger Sozialwohnungen gebaut. Von den 2013 übriggebliebenen 2400 Wohnungen laufen bei jeder fünften die Mietpreisbindungen bis 2018 aus. Öffentliche Räume werden kommerzialisiert und konsumorientiert gestaltet. Bestehende Wohnungen werden so aufgewertet, dass sie teurer werden und für viele nicht mehr bezahlbar sind. Parallel werden unkommerzielle, selbstverwaltete Projekte in Marburg von der Stadt in prekären Situationen gehalten oder gar in ihrer Existenz bedroht. So werden Menschen verdrängt und Diskriminierungsstrukturen aufrecht erhalten: Geflüchtete haben es in Marburg schwerer als andere Bevölkerungsgruppen. Die „Willkommenskultur“, von der die Marburger Politik bezüglich der Aufnahme von Geflüchteten spricht, stellt sich in der Realität als Farce heraus: Nur ein Bruchteil der dem Landkreis zugewiesenen Menschen werden in Marburg mit ausreichendem Zugang an Ressourcen untergebracht. Die Mehrheit muss in Lagern und Notunterkünften leben, wodurch ihnen die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben verwehrt wird. In der Stadt findet eine sexistische Gestaltung des öffentlichen Raums statt. Werbung für Partys oder Produkte zeigen nicht selten schlanke und halbnackte Frauen* oder bedient sich althergebrachten Stereotypen von Mann und Frau*. Ein Sprecher der Traumklinik weist darauf hin: „Es entsteht in vielen Diskotheken eine Plattform, auf der Diskriminierungsstrukturen und Sexismus als normal gehandelt werden. Statt eine kritische Hinterfragung dieser Strukturen anzustellen und zuzulassen, unterstützt die Stadt den Diskurs hegemonialer Schönheitsideale zum Beispiel mit der anstehenden Miss Marburg Wahl offensiv und beginnt, dieses Ideal zu kommerzialisieren und „ideale“ Körper zu vermarkten.“ „Dass wir den 28 Nov. für unsere Nacht-Tanz-Demo gewählt haben, ist kein Zufall. An diesem Tag wird durch die Veranstaltung „Marburg b(u)y night“ wieder einmal öffentlicher Raum kommerzialisiert und konsumorientiert gestaltet. Dies ist ein Beispiel, wie sich die Stadtpolitik darauf ausrichtet, unter dem Eindruck von „kulturellen“ Veranstaltungen die Stadt Marburg zu vermarkten“, sagt Karmon Czekam von der Traumklinik. Dem Stadtmarketing e.V. als Veranstalter der Buy Night sowie den Ausrichter*innen der Weihnachtsmärkte und involvierten Geschäftsleuten werden an diesem Tag Sondernutzungserlaubnisse von der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt. So nimmt das Stadtmarketing den gesamten Raum der Oberstadt für ihre Interessen ein.   Mit der Demonstration am 28. November will die offene Gruppe „(T)Raumklinik – Recht auf Stadt Marburg“, die aus der Besetzung der ehemaligen Augenklinik im Juli 2013 hervorgegangen ist, erneut auf die beschriebenen und immer drastischeren Auswirkungen des kapitalistischen Wohnungsmarktes aufmerksam machen. Die Gruppe strebt eine bedarfsorientierte Organisation der Stadtpolitik und setzt sich daher für eine Demokratisierung der Verteilung und Verwaltung von Wohnraum ein. Zudem soll öffentlicher Raum unkommerziell und für alle nutzbar sein. Mit der Besetzung der ehemaligen Augenklinik sowie dem Aktionscamp auf dem Gelände des Arbeitsgerichts in der Gutenbergstraße im August diesen Jahres hat die Gruppe mit zahlreichen Unterstützer*innen bereits ein Beispiel dafür gegeben, wie Wohnraum via kollektiver und kontinuierlicher Aushandlung durch seine Bewohner*innen zu einem Raum für diskriminierungsfreies Zusammenleben mit offenen Ressourcenzugänge realisiert werden kann. Nächsten Sonntag um 20Uhr findet ein offenes Treffen der Gruppe in der Rakete im Bettenhauskeller (Emil-Mannkopffstr.6) statt, zu dem alle Interessierten herzlich eingeladen sind.

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