Squat Istanbul – Ein Soziales Zentrum für Berkin Elvan

Berkin Elvan
(Bild: bianet.org)

Am 19. März besetzten Studierende ein seit Jahren leerstehendes Haus in einer der vielen kleinen Seitenstraßen des Istanbuler Bezirks Besiktas. Ihr Ziel ist es, dass Haus zu einem offenen Studierendenhaus zu machen, welches eine Bibliothek und Räumlichkeiten für Veranstaltungen bieten soll. Auch kulturelle und künstlerische Aktivitäten sollen dort stattfinden können. Doch noch ist nicht viel im Haus passiert. Die oberen Geschosse scheinen kaum begehbar zu sein, zu schlecht ist die Bausubstanz erhalten.

Viel wichtiger als die konkrete, zeitnahe Umsetzung ihrer Pläne, scheint die politische Bedeutung des Projekts. Mit der Benennung des Hauses als „Besiktas´s Berkin Elvan Studierendenhaus“ gedenkt die Gruppe der Besetzer*innen dem am 11. März verstorbenen Jugendlichen Berkin Elvan, welcher am 10. Juli von der Polizei bei Protesten schwer verletzt wurde und bis zu seinem Tod im Koma lag. Und auch der Tag der Besetzung ist kein Zufall. Der 19. März ist der Geburtstag des am 10. Juli 2013 in Eskişehir von der Polizei getöteten Ali İsmail Korkmaz.

Bisher wurde die Besetzung geduldet. Die Gruppe hatte Kontakt zu dem Besitzer und auch der Bürgermeister des Bezirks Besiktas´s Şerif İlker Uygun von der CHP ist schon vorbei gekommen. Er hatte den Besetzer*innen seine Unterstützung angeboten und ihnen zugesichert bis zum 12. Juli, dem Tag des Angriffs auf Berkin Elvan vor einem Jahr, im Haus bleiben zu können. Doch ob die Besetzer*innen auf die angebotene Unterstützung der CHP zurückkommen wird, scheint eher fraglich. Und auch ob sich nicht das politische Klima nach den Kommunalwahlen wandeln wird, ist unsicher.

Am Abend des 22. März sitzen an die dreißig, überwiegend Studierende, im Kreis vor dem Haus und halten ihr Plenum ab. Das wichtigste Thema ist der Versuch einer zweiten Besetzung vor wenigen Stunden einige Straßen weiter. Doch die Gruppen gehören nicht zueinander und auch das Vorgehen dieser wird von einigen in der Runde kritisiert. Zentral ist dabei, dass das Haus einer Armenierin gehörte. Aufgrund der Geschichte des Osmanischen Reichs und der türkischen Republik, welche von Enteignung, Rassismus und Genozid an den Armenier*innen geprägt ist, stößt die Wahl des Hauses der versuchten Besetzung daher auf Kritik. Doch lange ging die Besetzung nicht, schon nach wenigen Stunden rückte die Polizei an und beendete diese.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Überlegung, das besetzte Haus zu verlassen und ein neues Gebäude zu finden. Zu wenig nutzbare Räume hat es. Der „Umzug“ in ein neues Haus soll eine große Demo, ein Festival werden und es werden Überlegungen angestellt, wie die Besetzung auf noch mehr Zuspruch bei der Nachbarschaft stoßen kann. So wird diskutiert schon im Vorfeld mit den Anwohner*innen zu sprechen und mit Flyern auf die Ziele der Besetzung aufmerksam zu machen. Und diese Arbeit scheint Vorrang zu haben, als über Gespräche die Unterstützung von anderen demokratischen Parteien und Gruppen zu gewinnen. Einig sind sich alle, dass das zu besetzende Haus keins im Besitz von armenischen oder griechischen Menschen sein wird.

Das Haus ist nicht das einzige in Istanbul. Bereits letztes Jahr im Herbst wurde im Stadteil Yeldegirmeni ein Rohbau besetzt. Das Haus wird auch Don-Kisot-Solidaritätshaus [1] genannt, und ist aus einem der vielen Park-Foren des letzten Jahres hervorgegangen. Es scheint so, als ob sich die Forum-Bewegung versucht in den Nachbarschaften fest zu integrieren und Lokal zu verankern. Und dabei lernen sie voneinander, sowohl was das technische Wissen über Besetzungen angeht, als auch die politische Strategie dabei.

Wir bedanken uns bei den Besetzer*innen für ihre Gastfreundschaft und senden unsere Solidarität in die Häuser von Berkin Elvan und Don-Kisot.

Ob in Marburg oder Istanbul: Die Häuser denen die sie brauchen!

[1] https://www.akweb.de/ak_s/ak590/21.htm

Hier findet ihr die Facebook-Seite der Besetzung: https://www.facebook.com/pages/Beşiktaş-Berkin-Elvan-Öğrenci-Evi/602399713185488

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